Susanne im Interview zum Filmprojekt 25 Jahre Mauerfall

In der Nacht zum 9. November 1989 arbeitete ich im Hotel Steigenberger. Beim Gläser polieren kam der Oberkellner rein und meinte, „die Mauer is auf“. Wir haben uns schlapp gelacht und einfach weiter poliert – glauben konnten wir ihm nicht. Ich bin nach Dienstschluss einen Südtiroler Freund besuchen gefahren, der damals am Savigny Platz arbeitete. Er war schon zuhause, also haben wir seelenruhig ca. 2 Stunden von der Telefonzelle am Platz miteinander telefoniert. Als ich ihn zwischendurch mal fragte, ob er was gehört habe vom Mauerfall, gähnte er nur, sagte „nee“ und wir quatschen weiter. Irgendwann wurde ich dann doch nervös, es waren für die Uhrzeit einfach viel mehr Taxen als sonst unterwegs. Ich bin schließlich auch in ein Taxi gehüpft, die Taxifahrerin war total aus dem Häuschen, sie hatte die Menschen schon über die Grenze kommen sehen. Ich bin dann in mein Auto umgestiegen und zu irischen Freundinnen in den Wedding gedüst. „Los Girls, wir müssen uns beeilen, die Mauer ist auf!“. Lynda hat sich über den Pyjama eine Hose und eine Jacke gezogen und so sind wir dann alle los, mit meinem Golf zum 17. Juni.

Joggend zum Brandenburger Tor

Da war ein Fieber in der Luft, parken konnte man kaum noch, wir sind die ganze Strecke bis zum Brandenburger Tor gejoggt und wirklich, die Mauer am Brandenburger Tor war voller Leute, einfach unglaublich. Wir sind mit Hilfe anderer Menschen hoch geklettert…allein hätte man das nicht geschafft. Und dann standen wir oben mit dem Gefühl „dass gibt es nicht!“ Da waren ja noch die Soldaten auf Ostseite in voller Montur mit Gewehren…

Und dann auf die andere Seite

Wir sind runter gesprungen und dann durch das Brandenburger Tor auf die andere Seite gelaufen. Ich konnte die Situation genießen, ja! Aber ich dachte auch, der Staat ist mir so fremd, was machen wir hier eigentlich?

Unter den Linden entlang, in Richtung Alex, es war dunkel und still. Irgendwann wurde mir das alles etwas unheimlich, es war so leer und tiefschwarze Nacht… auch so ein Gefühl von: wir laufen in die falsche Richtung, was wenn das alles noch kippt? Dann sind wir zurück, wieder über die Mauer und dabei haben uns zwei ostdeutsche Jungs geholfen. Die hab ich dann eingeladen mitzukommen, in den Westen, auch mit in unseren Golf – zu sechst. Wir haben ihnen eine Citytour gegeben und sie in der Uhlandstrasse Ecke Kurfürstendamm auf eine Minipizza eingeladen. Es war total irre, dass alles mit ihren Augen zu erleben, diese Fassungslosigkeit…“Was bedeutet das jetzt?“ Die beiden haben uns später Bücher geschenkt, sozialistische Bücher, die sie in der Schule hatten, aber leider steht kein Name drin…Ich würde mich riesig freuen, sie mal wiederzusehen.

Ich bin dankbar, dass ich das erleben durfte und nicht wie so viele verschlafen habe. Das war einfach ein Moment, wo zwei Völker, die sich entfremdet hatten zusammengekommen sind. Ein riesiges Geschenk.

Mit dem Rad die Strecke entlang, eine kleine Eventdoku

Heute lebe und arbeite ich bereits seit vielen Jahren im früheren Ost-Berlin. Die Lichtgrenze zum 25 jährigen Jubiläum des Mauerfalls hat mich persönlich sehr berührt und begeistert. Wir sind morgens um kurz vor 5 Uhr aufgestanden und die gesamte Länge von 15 km mit dem Fahrrad abgeradelt, aus der Tour haben wir eine Eventdoku erstellt. Daraus entstanden ist der kurze Filmspot, schaut mal rein und fahrt mit. Wie sehr sich diese Stadt in den vergangenen 25 Jahren verändert hat, wie schnell sie zusammengewachsen ist, unglaublich. Der unüberwindbar scheinende Korridor ist kaum noch erkennbar. Die Lichtgrenze aber hat es geschafft, die ehemals klaffende Wunde ins Gedächtnis zurückzurufen: Berlin ist, wenn eine 25 Jahre alte Narbe eine Stadt noch schöner macht!